"Die Begeisterung der Wiesel steckt an."

Manchmal braucht es einfach eine Person, die den Stein ins Rollen bringt. Bei den Wiesloch Wieseln war das Jutta Wallenwein...

Markus Sebesta zieht ab.
Markus Sebesta zieht ab.

Hallo Jutta, erzähl doch mal, wie zur inklusiven Handballmannschaft der TSG Wiesloch kam.

Jutta Wallenwein: Die Idee dazu hatte ich schon länger. Ich habe es Harald (Sauter, 1. Vorsitzender TSG Wiesloch. Anm. d. Red.) vorgeschlagen, aber wir wussten beide nicht, wie man es verwirklicht. Wir haben uns auch mal ein Turnier der Durlach Turnados angeschaut, eine inklusive Handballmannschaft, die es schon seit 12 oder 13 Jahren gibt. Als der BHV dann zu einer Sitzung zum Thema Inklusion im Sport eingeladen hat, hat Harald mich hingeschickt. Dort wurden die Turnados vorgestellt. Danach habe ich mir das Training von Matthias Tröntle in Durlach angeschaut und einfach losgelegt.

 

Wo hast du denn die Spieler für die Wiesel zusammengefunden?

Ich habe zwei Jahre in der Lebenshilfe Wiesloch gearbeitet. Dort habe ich viele Kontakte mit den Beschäftigten, also den Menschen mit Behinderung, die dort arbeiten, geschlossen. Die Lebenshilfe ist eine tolle Einrichtung und ich war sehr gerne dort. Es sind Freundschaften entstanden, die bis heute gehalten haben. Eine Beschäftigte ist inzwischen Teil unserer Familie. Als ich die Wiesel starten wollte bin ich einfach in die Werkstatt und habe die Leute dort angesprochen. Ich habe ihnen vorgestellt, was wir vorhaben und sie überredet, zum Training zu kommen. Gleich beim ersten Training im November 2014 waren dann zwölf Teilnehmer da. Die sind alle bis heute geblieben und es sind noch einige dazugekommen.

Auch Rhein-Neckar Löwe Oliver Roggisch stattete den Wieseln schon einen Besuch ab.
Auch Rhein-Neckar Löwe Oliver Roggisch stattete den Wieseln schon einen Besuch ab.

Das niemand wieder abgesprungen ist zeigt, dass der Handballsport auch Menschen mit Behinderung anspricht.

Ja, das war sofort beim ersten Training zu sehen. Ich kannte und mochte die Menschen schon, deswegen war es für mich etwas ganz Tolles, mit ihnen meinen geliebten Sport zu spielen. Aber auch allen anderen ging es so, neben Harald waren noch weitere Althandballer dabei, die auch begeistert waren. Mein Mann hat gemeint ich spinne, weil ich mir noch eine zusätzliche Aufgabe in meiner Freizeit aufbürde. Aber ich habe ihm dann einen Deal vorgeschlagen: „Du kommst zum ersten Training. Wenn es dir dann nicht gefällt konzentrierst du dich weiter auf Triathlon.“ Er ist bis heute als Trainer dabei! Für ihn war es ein echtes Aha-Erlebnis, er ist von Glück erfüllt aus der Halle raus. Die Freude und Begeisterung der Teilnehmer steckt einfach an.

 

Du hast vorher schon Jugend- und Damenteams trainiert. Was unterscheidet das Training von Sportlern mit Behinderung?

Es ist total easygoing. Sie sind offen für alles und probieren es ganz ohne Hemmungen aus. Das tolle an den Menschen ist, dass sie nichts infrage stellen, sondern sich einfach auf unser Training einlassen.

 

Voller Einsatz von Andreas Besch im Spiel der Wiesloch Wiesel gegen die Durlach Turnados.
Voller Einsatz von Andreas Besch im Spiel der Wiesloch Wiesel gegen die Durlach Turnados.

Auf wie viele Teilnehmer ist die Mannschaft inzwischen gewachsen?

Insgesamt sind wir 20. Dazu gehören aber auch einige Kinder. Kinder zu integrieren ist schwierig, weil sie einen körperlichen Nachteil haben, der es ein wenig gefährlich macht. Im Training geht es, für Turniere haben wir dann eine feste Mannschaft. Eine eigene Kindermannschaft muss noch wachsen. Inzwischen haben wir aber eine Damenmannschaft. Wir haben schnell gemerkt, dass unsere Mädchen viel Potential haben. Weil wir nicht genügend Spielerinnen hatten, haben wir eine Spielgemeinschaft mit den Durlacher Turnados gegründet. Seit Februar trainieren sie alle zwei Wochen zusammen. Im Mai hatten sie das erste Turnier und haben sich richtig gut geschlagen, da waren wir echt baff.

 

Wie muss man sich den Spielbetrieb beim Inklusions-Handball denn vorstellen?

Der gestaltet sich ganz unterschiedlich. Für uns gibt es zum Beispiel ein Turnier in Bruchsal, bei dem die Bruchsaler Habichte, die Durlach Turnados und wir gegeneinander spielen. Die Turnados sind aber so gut, dass sie auch im normalen Ligabetrieb in der untersten Herrenklasse mitspielen. Dagegen haben wir noch keine Chance. Wir haben aber auch schon eigene gemischte Turniere ausgerichtet, bei denen die Mannschaften durchgewürfelt wurden. Unser erstes großes Turnier war ein deutschlandweites Turnier mit 18 Mannschaften, etwa aus Bremen oder Sachsen. Das ging über drei Tage, mit Übernachtung in Durlach. Danach waren unsere Wiesel richtig heiß.

Die Freude nach jedem Erfolgserlebnis ist groß.
Die Freude nach jedem Erfolgserlebnis ist groß.

Für die Spieler ist das sicher eine ganz neue Erfahrung. Wie nehmen sie so etwas auf?

Erst waren sie sehr vorsichtig. Sie konnten sich das nicht vorstellen und wollten dort nicht übernachten. Wir haben dann Pensionen gebucht und nicht in der Halle geschlafen. Trotzdem waren sie sehr aufgeregt, aber auch voller Vorfreude. Letztendlich war es eine tolle Erfahrung. Sie haben wahnsinnig dazugelernt, weil sie den ganzen Tag spielen und sich viel von den Erfahrenen abgucken konnten. Aber nicht nur auf dem Platz haben sie profitiert, sie haben auch neue Kontakte geknüpft. Die Stimmung auf so einem Turnier ist ganz anders als bei normalen Handballturnieren, die ganzen Mannschaften sind wie eine große Familie.

 

Und wie lief es sportlich?

Ein Spiel haben wir immerhin gewonnen und einmal Unentschieden gespielt, ansonsten aber alles verloren. Trotzdem hat es in allen ein Feuer entfacht. Sie wollen wieder Turniere spielen und haben die Special Olympics in Kiel als großes Ziel.

 

Habt ihr Unterstützer, die euch solche Turniere ermöglichen?

Feste Sponsoren haben wir leider nicht. Am Anfang hat uns die BB Bank einen Startschuss gegeben und Bälle und Trikots gesponsert. Die Wistema GmbH aus Dielheim hat uns auch unterstützt. Ansonsten nehmen wir zum Beispiel Geld ein, indem wir Adventsplätzchen auf dem Weihnachtsmarkt verkaufen. Aber wir brauchen jetzt bald unbedingt vernünftige Hallenschuhe. Es ist eine Schande, mit was für Schuhen aktuell trainiert wird.

 

Euch helfen aber auch die Auszeichnungen, die der TSG Wiesloch für die Wiesel erhalten hat?

Genau, wir haben den Sportaward Rhein-Neckar in der Kategorie „Vorbild Verein“ gewonnen. Wir haben zwar eine Bewerbung mit Videos hingeschickt und sind zur Verleihung eingeladen worden, aber mit der Auszeichnung hatten wir überhaupt nicht gerechnet. Es waren auch tolle andere Projekte dabei. Es hat uns natürlich sehr gefreut, dass wir für unseren sozialen Beitrag für Wiesloch und Umgebung ausgezeichnet wurden. Und jüngst haben wir den Rotary Award 2017 für soziale Projekte vom Rotary Club Schwetzingen erhalten. Der Förderpreis hilft uns, am Ball zu bleiben. Denn eins möchte ich betonen: Wir verstehen die Wiesel nicht als Projekt, sondern als Teil des Vereins. Die Wiesel sind nicht nur für mich und meinen Mann Thorsten eine Herzensangelegenheit, sondern für ganz viele Unterstützer. Projekte sind zeitlich begrenzt, die inklusive Handballmannschaft gehört inzwischen aber ganz selbstverständlich zur TSG Wiesloch.